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Ein Mann mit Doppelleben
Dr. Martin Ehlers könnte sich jetzt eigentlich
entspannt zurücklehnen. Er ist 47 Jahre alt. Er
hat scheinbar alles erreicht. Ohne Umwege hat er seinen
Lebensentwurf realisiert. Als Mediziner hat er sich
einen Namen gemacht. Sein Rat ist gefragt, nicht nur
bei seinen Patienten in der Praxis in Hamburg, sondern
auch in den Medien und als Arzt des Olympiastützpunktes
in Hamburg.
Solange die drei noch im Haus lebenden Töchter
und die drei Hasen gegenwärtig nur die eine Sorge
teilen, ob nun endlich - oder doch lieber nicht - ein
Hund in die wuselige Patchwork-Familie aufgenommen werden
soll, könnte auch der Familienvater ganz zufrieden
sein.
Aber das ist nur die eine Seite von Martin Ehlers.
Die andere ist: Er ist ein Musik-Besessener. Ich
habe einen Stachel im Kopf, sagt er von sich selbst.
Der bohrt und wühlt in ihm, der treibt ihn an und
lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Denn Martin Ehlers
ist auch ein konzertreifer Musiker, Komponist und Jazz-Pianist.
Und diese für ihn lebenswichtige Profession hat
sich für ihn noch nicht befriedigend realisiert.
Sein Klavierspiel ist längst technisch perfekt,
melodisch beseelt. Es groovt, und bei manchen Passagen
mag man gar nicht still sitzen. Er möchte noch
tiefer in die Musikerszene eintauchen. Und live ein
Publikum erobern und begeistern, das vor allem.
Die Voraussetzungen dafür sind gegeben. Ein fünfjähriges,
konsequent durchgezogenes Klavierstudium bei Buggy Braune,
Dozent für Jazz-Piano an der Hamburger Musikhochschule,
vermittelt Raffinesse und Souveränität. Er
kann sehr gute Musiker an sich binden: den gefragten
Kontrabassisten Thomas Biller und den sensiblen Schlagzeuger
Derek Scherzer. Zwei Alben, ausschließlich mit
Eigenkompositionen, werden bei nrw records veröffentlicht:
Strange Blue Light Bay im Jahr 2005. Dann
Swedish Moment 2007. Erste positive Rezensionen
aus der Jazz-Presse und die überraschend guten
CD-Verkäufe motivieren ihn. Die dritte Produktion,
die im Frühjahr 2010 erscheint, heißt: FEEL
THE LIGHT.
Begonnen hat alles im Alter von 10 Jahren. Etwas spät,
findet er heute er hätte im Nachhinein gern
früher angefangen. Aber erst nach dem sinnfreien
Herumgeklöter auf einem Xylophon kommt ein
Bechstein-Klavier ins gutgestellte Kieler Elternhaus,
und mit ihm regelmäßig eine Klavierlehrerin.
Sie ermutigt Martin, den musikalischen Horizont über
die Klassik hinaus zu erkunden und vor allem auch dazu,
eigene Stücke zu schreiben. Erste Konzerte mit
16, die selbst komponierte Rhapsodie in a-Moll, werden
gefolgt von alternativen Konzertprogrammen auf der Bühne
und gern auch in Kneipen.
Vom Bruder beeinflusst, beginnt er das Medizinstudium
in Kiel und lebt fortan in Parallelwelten. An jedem
Tag lernt er in Intervallen von 45 Minuten: erst Organfunktionen,
dann Etüdenläufe, 45 Minuten Anatomie dann
45 Minuten blue notes - immer per Wecker kontrolliert,
alle Semester hin durch. Erst schreibt er Klausuren,
dann neue Titel. Über 50 eigene Stücke stauen
sich bereits. Er promoviert, praktiziert und
komponiert weiter. Standards mag er nicht nachspielen,
und täte er es noch so virtuos und variationsreich.
Er wendet sich, jedenfalls für eine Zeit lang,,
sogar von dem von ihm verehrten Keith Jarrett ab, als
dieser bevorzugt Standards einspielt.
Sein Weg führt ihn an die Uniklinik nach Lübeck.
Martin Ehlers spielt jeden Tag Klavier, von sechs Uhr
bis halb acht - morgens wohlgemerkt - und dann wieder
abends, wenn der Assistenzarzt nach Hause kommt. Zur
Abwechslung hört er CDs, alle mit Schwerpunkt Piano.
Geht in Konzerte. Gibt Konzerte, einmal wöchentlich
in dem damals angesagten Club Grauzone.
Für ihn ist Musik Grundnahrungsmittel. Mit dem
Scheitern seiner Ehe erlebt Martin Ehlers den ersten
schmerzhaften Bruch in seinem Leben. Er muss auch die
Tochter Helene bei der Mutter lassen. Wer soll
das auch neben so einem Autisten aushalten, lacht
er, doch die Augen lachen nicht mit. In dieser Phase
der emotionalen Hochspannung entsteht die Produktion
für das Debüt-Album Strange Blue Light
Bay.
Neustart in Hamburg. Musikalisch hat sich Martin Ehlers
schon längst am Norden orientiert. Lars Danielsson,
Bugge Wesseltoft und Esbjörn Svensson sind es,
die ihn inspirieren - und die neue Frau an seiner Seite
hat skandinavische Wurzeln. Annika bringt die zwei Töchter
Liv und Milena mit in die Verbindung sowie eine umfangreiche
Jazz-Sammlung. Ihr wird das zweite Album gewidmet. Momente
von innerem Frieden und Spiritualität werden zu
Swedish Moments. Landschaftsmalerei in Blau
und Grün. Viel Himmel und Wasser, Berge und Wald.
Atmosphärisch dicht, aber mit prononciertem Anschlag
in transparenter Klarheit.
2010 erscheint FEEL THE LIGHT,
wieder bei dem kleinen, sehr engagierten Label nrw records.
Die Titel reflektieren das Licht in der Erinnerung an
persönliche Erlebnisse. Die Geburt von Tochter
Alva, sonnenblonder Lockenkopf. Die überschattende
Trauer um die Mutter. Wanderungen im Dämmerlicht
am Dubai-Creek. Ein Konzert unter dem tief gehängten
Sternenhimmel in den mallorquinischen Bergen. Die nächtliche
Elbe mäandernden Lichtspiegelungen von Kränen,
Schiffen und Raffinerien. Alles das hat sich in Melodien
verwandelt. Martin Ehlers liebt Melodien und Harmonien.
Sie sind für ihn die Seele der Kompositionen. Damit
unterscheidet er sich von vielen Pianisten, die sich
selbstverliebt in endlosen Kadenzen und akademisch verkopften
Akkordfolgen verlieren.
Auf einigen der Titel nimmt Ingolf Burkhardt, Musiker
in der NDR-Bigband, mit mattiertem Flügelhorn und
auf der Trompete die Melodien auf, setzt Kontrapunkte,
skizziert die Silhouette für neue Klangbilder.
Mit FEEL THE LIGHT möchte Martin Ehlers
seinen Durchbruch schaffen.
Bei dem renommierten Festival Jazz-Baltica in Salzau
erlebte er erstmals das Glücksgefühl, vor
700 Leuten zu spielen. Seither ist er bereit für
den harten Weg eines Newcomers: Es muss jetzt
richtig losgehen.
Das Ziel ist gesteckt: Mein Traum ist, bis zu
meinem 50. Geburtstag einen Platz in der Musikszene
gefunden zu haben, der mir erlaubt, Nils Landgren mit
seiner roten Posaune zu einem gemeinsamen Konzert einzuladen.
Nicht als Gast. Als brother in spirit.
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